Die Insel Söder Pops. Meine persönliche Gentri-Fiktion

Beobachtung, dass dieser Pro­zess unerbittlich fortschreitet und sich auch auf die Produktionsmethoden der Architekten auswirkt, die nicht umhin können, sich irgendwie daran zu beteiligen. Heute kann man beo­bachten, dass Abbildungen, die ein geplantes Gebäude von seiner besten Seite zeigen, und Bilder, welche die Kommodifizierung von Architektur fördern sollen, sich kaum noch von­einander unterscheiden. Zweifellos ist das Bewusstsein für den Wert von Immobilien und die unter Umständen mit dem Kauf von Wohneigentum ein­hergehende erdrückende Schuldenlast für Bauherren oder Käufer infolge der durch zweitklassige Hypotheken aus­gelösten Immobilienkrise von 2007 / 2008 in den USA gestiegen. Umge­ben von Cafés und Boutiquen auf der gentrifizierten innerstädtischen Insel Söder Pops (eigentlich Södermalm) von Stockholm fällt es nur allzu leicht, sich selbst zu versichern, dass wir hier einen vor den globalen ökonomischen Stürmen geschützten Zufluchtsort gefunden haben. Dieser Beitrag erzählt die Geschichte der ambiva­lenten Rolle der Gentrifizierung dieses Quartiers. Ich entschied mich für die Fiktion, weil ich verstehen wollte, wie wir Menschen ein vorherrschendes Denkbild des Baubestands in unserer unmittelbaren Umgebung selber noch weiter „zementieren“.

Chemotaxopolis

In einer Zeit, in der die Architektur sich immer mehr den Formen der Natur angleicht, sieht sich die austra­lische Stadt Melbourne einem unkon­trollierbaren Organismus ausgesetzt, der die materielle Substanz der Stadt reorganisiert und in sich aufnimmt. Dieser Organismus, den die Einwoh­ner Muronoma nennen, frisst sich langsam seinen Weg durch Wohnzim­mer und Arbeitsplätze und hinterlässt auf seinem Weg vernetzte, korallen­artige Tunnel – Lebensräume für eine neue Wildnis im Herzen der Stadt. Die amerikanische Journalistin Gabriella Canui reist nach Melbourne, um einen Artikel über diesen Orga­nismus und seine Auswirkungen auf das tägliche Leben der Melbourner zu schreiben. Sie verschwindet jedoch spurlos und liefert ihren Artikel nie ab. Nach ihrem Verschwinden vermuten die CIA und ihr lokaler Verbündeter die Australian Security Intelligence Organization (ASIO), dass Gabriella dem Architecture and Urbanism Bio- Terrorist Underground Syndicate, auch bekannt als AUBTUS, beigetre­ten ist. Als die UNESCO beginnt, eine umfassende Untersuchung des Muro­noma-Phänomens einzuleiten, for­dert sie die CIA-Akte über Gabriella Canui an, einschließlich ihrer Notizen und transkribierten Interviews. Diese Akten schildern den Beginn von Chemotaxopolis.

Die Hölle des Dekors.

Als die Großwohnsiedlung Grigny la Grande Borne zwischen 1967 und 1971 entstand, hielten viele Fachleute das Wohnquartier in der südlichen Pariser Banlieue unter anderem aufgrund der sanft geschwungenen Grundrissgeometrie für eine gelungene Alternative zum Gros der französischen Grands Ensembles. Gemäß der Argumentation des verantwortlichen Architekten Émile Aillaud bildete La Grande Borne im Gegensatz zu der Monotonie der Großwohnsiedlungen der Nachkriegszeit eine „ville“, eine differenzierte „Stadt“. Im Zuge des Richtungswechsels der französischen Raumordnungs- und Wohnungspolitik stellten der Journalist Jacques Frémontier und der Filmemacher Bernard Gesbert Aillauds Diskurs jedoch infrage. In ihrer Fernsehreportage Grigny la Grande Borne ou L’enfer du décor von 1973 zeigten sie Aillauds Unverständnis und Gleichgültigkeit gegenüber den Lebensbedingungen der Bewohner. Hélène Jannière untersucht diesen Wendepunkt in der medialen Debatte über Grigny. Der Film steht sinnbildlich für die Veränderungen der Architekturkritik in den 1970er-Jahren und veranschaulicht die allgemeine Entwicklung: von einer ästhetischen Kritik der Architektur- und Stadtplanungskonzepte hin zu einer Gesellschaftskritik ihrer Lebensformen und verinnerlichten Herrschaftsbeziehungen.

Bilder vermeiden.

„Bilder vermeiden“ ist ein fiktiver Dialog zwischen den Architekten, Stadtplanern, Landschaftsarchitekten und Bewohnern, die am Bau und am Abriss der Sozialbausiedlung La Courneuve bei Paris beteiligt waren. Damit versuchen die Autoren,  Alain Guez und Sandra Parvu, den unterschiedlichen Erfahrungen mit diesem Ort durch die Berichte ihrer Protagonisten konkrete Gestalt zu verleihen. So entsteht im Zusammenspiel der verschiedenen Aussagen eine neue (Stadt-)Landschaft.

Fünf Kurzgeschichten.

Oliveira: Eine weiße Falte – Über viele Jahre trafen sich zwei Männer, um zusammen die Pläne für eine perfekte Stadt zu entwerfen.

 

Allin: Crux – Die Geschichte zweier konkurrierender Architekten, deren Ehrgeiz und Inspiration sich in und jenseits ihrer Arbeit kreuzen.

 

Romba: Ein Haus – Für jede gegebene architektonische Struktur  sind wir zu einer Reihe unterschiedlicher – sogar sich widersprechender – Erfahrungen fähig.

 

Smith: Eine Fabel über Form und Funktion — Vor langer Zeit hatten alle Wesen der Erde die Freiheit, wann immer sie wollten, ihre Form zu verändern.

 

Gadanho: Fabeln der Rekonstruktion – Vier Mikro-Erzählungen  loten das Genre der Fabel als ein Instrument für Architekturkritik aus.

Aushäusig.

Fast unbeschadet erleben der Künstler Reinhard Doubrawa und der Schriftsteller Joachim Geil den urbanen Nahkampf vor Ort. In einer Reihe von Fotoarbeiten zeigt Doubrawa diese Momente am Rande des Konflikts. Geil setzt Texte dazu, inspiriert von Italo Calvino unter anderen, und wartet dann wieder auf Bilder von Doubrawa. Daraus entsteht die traurige alte Geschichte von einem berühmten Architekten, der versucht zu erkennen, wer und was inmitten der Hölle nicht Hölle ist, und ihm Bestand und Raum zu geben.

 

Bei uns in der Stadt

Architekturvermittlung erfolgt vor allem durch populäre Bildmedien. Eine besondere Prägung erfährt seit Mitte des 19. Jahrhunderts jedes deutschsprachige Schulkind durch Darstellungen von Architektur und Stadt in seiner Fibel. Diese zeigen fast ausnahmslos fiktive, typisierte Situationen. Anhand eines historischen Längsschnitts zeigt Ulrich Pantle auf, wie durch dieses Massenmedium eine anhaltende Konditionierung architektonischer und städtebaulicher Leitbilder im kollektiven Bewusstsein stattfindet. Die Fiktionalität, mit dem ein Idealtyp vom freistehenden, stadtnahen Häuschen bis heute forciert wird, kann sowohl negativ aufgrund seiner stadträumlicher Unmöglichkeit aber auch positiv, augrund seiner utopischen Potenzials gewertet werden.

Anmerkungen zu Typen verführerischer Robustheit.

Dies ist ein zwölfseitiges Handlungsgerüst über unvernünftige Aktivitäten im Kontext des Wissens. Zwei Detektive verhören einen Mann, der mit einer unbekannten und grotesken Figur Intimverkehr gehabt hat. Der Mann wird beschuldigt, den Verhaltenskodex verletzt zu haben – laut Gesetz eine strafbare Handlung. Die Anklage lautet auf Verschwörung, welche dem Zynismus gegenüber dem Kontext des Wissens Vorschub leistet. Der Mann führt sein Vergehen auf eine bestimmte Art der Verführung zurück, die sein objektives Urteilsvermögen überwältigte, was schließlich seine Begnadigung begründet. Der Geschlechtsakt zwischen Mann und Figur wird übersehen, während die verführerischen Eigenschaften der grotesken Figur im Archiv der Intuition aufgezeichnet werden. Was einst als regelwidrig angesehen wurde, ist nun akzeptierter Teil von Ethos, Syntax und Zeitgeist.

Häuser.

Joanna Zawieja untersucht die gesellschaftlichen Zusammenhänge architektonischer Darstellungsformen, insbesonders wie von Bildern bestimmte Erzählungen die gebaute Umwelt beeinflussen. Im Text Häuser setzt Zawieja die Geschichte eines leeren Hauses in East London, einer ehemaligen viktorianischen Anstalt zur Schulung von „gefallenen Frauen“ in der Kunst der Hauswirtschaft, mit der Schilderung einer in der Gegenwart stattfindenden Besprechung von Architektin und Auftraggeberin gegenüber, um zu fragen: Wo werden unserer architektonischen Bedürfnisse und Wünsche formuliert?